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Lawinenkatastrophe Weihnachten 1915


Südwestfront, Barackenlager Hoch Linz. Am 25. Dezember 1915, Christtag, ereignete sich im Bereich der 2. und 5. Feldkompanie des LIR 2 ein verheerendes Lawinenunglück. In den ersten beiden Dezemberwochen war schon sehr viel Schnee gefallen. Die Soldaten waren ununterbrochen damit beschäftigt die Wege und Stellungen schneefrei zu halten. Der 24. Dezember 1915 brachte eine freudige Feststimmung für jeden vom Regiment da zahlreiche Liebesgaben von den Angehörigen in der Heimat und vom Kriegsfürsorgeamt eingetroffen waren. Um Mitternacht zelebrierte Feldkurat Probst Wilhelm Wester, Weltpriester der Diözese Gurk1, unter freien Himmel im flackernden Schein des von Schneeflocken umspielten Kerzenlichtes die Christmette2. Folgender Originalbericht von Hauptmann Heinrich Hainschwang, dem Kommandanten der 2. Kompanie, schildert die dramatischen Ereignisse3:

  Feldpost 53, am 27.Dezember 1915
Hainschwang, Hptm
 

Zu Anfang des Monats Dezember lag in der Stellung der 2. Kompanie bereits zwei Meter Schnee. In der Woche vor Weihnachten schneite es täglich mehrere Stunden,die Temperatur ließ jedoch keine größeren Schneerutschungen befürchten.

Hptm Hainschwang

 Erst als plötzlich am 23. Dezember früh die Temperatur anstieg und am 24. Dezember in Tauwetter überging, stieg die Lawinengefahr an. Seit den ersten Nachmittagsstunden des 25. Dezembers herrschte reines Föhnwetter, heftiger Wind, der zuerst Regen, dann wässrigen Schnee in ungeheuren Massen über die Höhen peitschte. In den Abendstunden gewann das Unwetter noch an Heftigkeit. Gegen 21.00 Uhr wurde die Arbeit, Wege und Hütten halbwegs von Schnee freizuhalten als vergebliche Mühe eingestellt. Um 22.00 Uhr abends hörte ich vom Lipnik zwei Lawinen niedergehen, kurz darauf vernahm ich das Sausen von kleineren Lawinen an den ziemlich weit entfernten Teil des Hanges der Kote 1776. Um 22.45 Uhr vernahm ich abermals dasselbe Geräusch, scheinbar in gleicher Entfernung.

Ich trat vor die Tür meiner Hütte, im gleichen Moment schlugen mir einzelne verzweifelte Hilferufe entgegen und die Zugshütte des 2. Zuges war mit der ganzen Mannschaft verschwunden. Die Lawine vernichtete zuerst einen leeren Offiziersunterstand, dann in einem geraden Lauf zwei beheizte Mannschaftsunterkünfte, das Munitionsmagazin, das Lebensmitteldepot und zwei weitere unbewohnte als Vorratsräume dienende Unterstände.

Offiziere des Regimentskommandos

Mit ihrem Rand begrub sie noch die Hütte des Sanitätsfähnrichs Apfeltaler, in welcher sich gerade die Leutnante Freund und Brunner sowie Fähnrich Leitner befanden, verschüttete diese drei Meter tief und nahm weiter ihren Lauf zu Tal. Gemeinsam mit Fähnrich Apfeltaler, der sich noch rechtzeitig hinter der Küche in Sicherheit bringen konnte und aller sonst in der Nähe Verfügbaren wurden die Rettungsarbeiten begonnen. Fähnrich Apfeltaler eilte die Sanitätsmannschaft zu verständigen, fand jedoch, im linken Teil des Kompanielagers, keine Spur von Überlebenden, wie er auch seine eigene Hütte, in der sich die drei Offiziere befanden, nicht mehr entdecken konnte. Die begonnenen Rettungsarbeiten zeigten bald Erfolg, indem das Fenster der halbverschütteten Sanitätshütte gefunden und dadurch die sechs darin befindlichen Leute befreit wurden. Drei Männer, welche noch den Schnee vom Dach der Hütte räumen wollten, und von der Lawine überrascht wurden, konnten bis heute nicht geborgen werden.

Feldmesse in Blac

 Unsere drei verschütteten Offiziere wurden nach zweistündiger Arbeit noch lebend geborgen. In der Zugshütte gelang es drei bis vier Mann sich im letzten Moment, als die Wände der Hütte barsten, zu retten. Auch konnten diejenigen, welche die höchsten Schlafstellen innehatten, rasch und leicht verletzt geborgen werden. Die in einer Tiefe von zwei Metern gefundenen jedoch, hatten durchwegs derartig schwere Verletzungen erlitten, dass sie im Moment der Katastrophe bereits getötet wurden. Die Rettungsarbeiten gestalteten sich äußerst schwierig, da sich der größte Teil der langstieligen Werkzeuge in der gänzlich verschwundenen linken Lagerstellung befunden hatte. Lampen und Laternen brannten in dem herrschenden Sturme kaum, zu alldem gingen noch immer Lawinen nieder und für die Verletzten konnte kein sicherer Raum gefunden werden. Mit unermüdlichem Eifer wurden die Bergungsarbeiten bis zum eintreffen der Arbeitsmannschaften durchgeführt. Von 3.00 Uhr früh an wurden nur mehr Tote geborgen.

Einsegnung in Blac

Während der Rettungsarbeiten brach plötzlich die schon frührer gegenwärtige Lawine von dem Felsbruch am Hang Kote 1776 ab und ging unmittelbar neben der, welche so verheerende Wirkung getan zu Tal. Dem guten Geist von Unteroffizieren und Mannschaften ist es zu danken, dass die Verlustziffer nur halb so hoch wurde, wie ursprünglich angenommen. Die Kompanie hat 27 Verletzte und 29 Tote zu beklagen. 6 Tote konnten trotz aller Mühe und Arbeit noch nicht geborgen werden.

 

 
 

Nach Abschluss der Bergungsmaßnahmen wurden die 38 aufgefundenen Lawinenopfer ins Tal getragen und am 28. Dezember 1915 nach feierlicher Einsegnung in Blac beigesetzt.


1 Rangliste für die k.k. Landwehr 1916,
2 Die 2er Schützen im Weltkriege 1914-1918
3 ÖSTA/Kriegsarchiv; Archiv der Truppenkörper:
Feldakten des LIR 2 Faszikel 1641 (Bericht in
leicht gekürzter Form wiedergegeben),
Alle Fotos Archiv LIR 2.