Lawinenkatastrophe

25. Dezember 1915

Vorgeschichte:

Nach dem Kriegseintritt Italiens am 23. Mai 1915 auf Seiten der Entente brachte es mit sich das größere Truppenkontigente an die Südwestfront verschoben. Darunter auch die 44. Landwehr Infanterie-Truppendivison, welcher das Landwehr Infanterieregiment Linz Nr. 2 angehörte.

Das Regiment übernahm den Abschnitt Planina za Grebenom oberhalb des Lepenjetales am oberen Isonzo im Krngebiet. Die Frontabschnitte befanden sich auf eine Seehöhe von 1200 bis 1700m. Hochgebirge.

In diesen Höhenstellungen wurden im Bereich des Vrisic – Lipnik und Kote 1776 „Teufelsfelsen“ genannt, Winterfeste Quartiere, Verpflegungslager, Sanitätshilfsplätze usw. errichte. Diese Hüttenkolonien wurden mit bekannten klingenden Namen wie Hochlinz, Hochwegscheid, Hochkleinmünchen, Hochpöstlingberg usw. benannt. In den ersten beiden Dezemberwochen war schon sehr viel Schnee gefallen. Die Soldaten waren ununterbrochen beschäftigt um die Wege und Stellungen Schneefrei zu halten. Der 24. Dezember 1915 brachte eine freudige Feststimmung für jeden vom Regiment da Zahlreiche Liebesgaben von den Angehörigen in der Heimat und vom Kriegsfürsorgeamt eingetroffen waren. Um Mitternacht zelebrierte Feldkurat Probst Wilhelm Wester, Weltpriester der Diözese Gurk unter freien Himmel im flackernden Scheine des von Schneeflocken umspielten Kerzenlichtes andachtsvoll der heiligen Nacht gedenkend, die Christmette.

25. Dezember 1915; Christtag der Tag des verheerenden Lawinenabgangs bei der 2. und 5. Feldkompagnie.

Über den Hergang der Lawinenkatastrophe lassen wir den Hauptmann Heinrich Hainschwang zu Wort kommen.

Im Kriegsarchiv in Wien wird im Archiv der Truppenkörper im Faszikel „1641 sein damaliger Wahrnehmungsbericht aufbewahrt.

Nachfolgend der unveränderte Bericht des Hauptmanns Hainschwang

Hauptmann Heinrich Hainschwang

Zu Anfang des Monats Dezember lag in der Stellung der Kompagnie bereits in der Höhe von 2m der Schnee. Die Woche vor Weihnachten schneite es täglich mehrere Stunden, die Temperatur ließ jedoch auch auf den benachbarten Lawinengefährlichen Steilhängen größere Schneerutschungen nicht befürchten. Erst, als plötzlich am 23. Dezember früh, die Temperatur stieg und am 24. Dez. in Tauwetter überging, waren für Lawinenbildungen günstige Vorbedingungen geschaffen. Tatsächlich gingen auch am Abend des 25. Dezembers vom Lipnik und benachbarten Höhen Lawinen ins Tal. Für die eigene Kompagnie, deren Lager sich ca. 50m unter einer Kaverne befindet, war aller Voraussicht nach eine derartige Gefahr nur vom Felsabbruch der Kote 1776 zu befürchten.

Die Lawine, welche das Unglück verursacht hatte, entstand jedoch im Bereich der Abteilung selbst.

Hinter der Feuerstellung der Kompagnie löste sich um ¾ 11 Uhr nachts eine Schneewächte in beiläufiger Breite von ca. 20m (Die Abbruchline konnte man tags darauf genau konstahieren)

Die sich entwickelnde Lawine wurde nun durch ein Felsrippe in 2 ungleiche Teile geschnitten.

Der kleinere Teil wurde durch eine Kurze und schmale Mulde gegen den rechten Teil des Kompagnielagers geleitet, wo er, nach ca. 30m Lauflänge, in einer Breitenausdehnung von 8 – 10m die Zugshütte unter sich begrub.

Ungefähr 15m unterhalb dieser Unglücksstätte war dieser Lawinenteil bereits wieder wirkungslos.

Der 2., stärkere Teil der Lawine wandte sich von seinem Ausgangspunkte gegen die Richtung Kote 1776, traf nach ungefähr 80m Lauf auf den linken Flügel des Kompagnielager, vernichtete zuerst einen leeren Offiziersunterstand, dann in einem geraden Laufe 2 beheizte Mannschaftsunterkünfte, Munitionsmagazin, Lebensmitteldepot, 2 weitere unbewohnte als Vorratsräume dienende Unterstände, begrub mit ihrem Rand noch die Hütte des Sanitätsfähnrichs Apfeltaler, in welcher sich gerade die Leutnante Freund, Brunner sowie Fähnrich Leitner befanden, 3m tief und nahm weiter ihren Lauf zu Tale.

Seit den ersten Nachmittagsstunden des 25. Dezembers herrschte reines Föhnwetter, heftiger Wind, der zuerst Regen, dann wässrigen Schnee in ungeheuren Massen über die Höhen peitschte. In den Abendstunden gewann das Unwetter noch an Heftigkeit. Gegen 9 Uhr wurde die Arbeit, Wege und Hütten halbwegs von Schnee freizuhalten als vergebliche Mühe eingestellt. Um 10 Uhr abends hörte ich vom Lipnik zwei Lawinen niedergehen, kurz darauf vernahm ich das sausen von kleineren Lawinen an den ziemlich weit entfernten Teil des Hanges der Kote 1776.

Um ¾ 11 vernahm ich abermals dasselbe Geräusch, scheinbar in gleicher Entfernung. Ich trat vor die Tür meiner Hütte, im gleichen Moment schlugen einzelne verzweifelte Hilferufe mir entgegen, die Zugshütte des 2. Zuges war mit der ganzen Mannschaft verschwunden. Im verein mit Fähnrich Apfeltaler, der sich noch rasch im rechten Moment, indem er hinter der Küche Deckung suchte und aller sonst in der Nähe Verfügbaren wurden die Rettungsarbeiten begonnen, während Fähnrich Apfeltaler, die Sanitätsmannschaft zu verständigen eilte, dortselbst jedoch, im linken Teil des Kompagnielagers, keine Spur von lebendigen mehr vorfand, wie auch seine eigene Hütte, in der sich die 3 Offiziere befanden, nicht mehr entdecken konnte.

Die verfügten Rettungsarbeiten zeitigten bald günstiges Resultat, indem das Fenster der halbverschütteten Sanitätshütte gefunden und dadurch die 6 darin befindlichen Leute befreit wurden. (die restlichen 3, welche noch den Schnee vom Dach der Hütte räumen wollten, und von der Lawine überrascht wurden, konnten bis heute nicht geborgen werden) und die 3 verschütteten Offiziere nach zweistündiger Arbeit, sich ebenfalls an der weiteren Aktion beteiligen konnten.

In der Zugshütte war es je 3 bis 4 Leute, im Moment als die Wände barsten, noch gelungen, sich zu retten. Auch konnten diejenigen, welche die höchsten Schlafstellen innehatten, leichter und mit weniger schweren Verletzungen geborgen werden. Die in einer Tiefe von 2m gefundenen jedoch, hatten durchwegs derartige Verletzungen erlitten, dass sie im Moment der Katastrophe bereits auch getötet wurden.

Die Rettungsarbeiten hatten sich äußerst schwierig gestaltet, da der größte Teil der langstieligen Werkzeuge sich in der gänzlich verschwundenen linken Lagerstellung befunden hatten, Lampen und Laternen in den herrschenden Sturme kaum brannten, zu alldem noch immer Lawinen niedergingen, man für die Verletzten keinen sicheren Raum feststellen konnte. Von 3 Uhr früh an wurden nur mehr Tote geborgen. Während der Rettungsarbeiten brach plötzlich die schon frührer gegenwärtige Lawine von dem Felsbruch am Hang Kote 1776 ab und ging unmittelbar neben der, welche so verheerende Wirkung getan zu Tal.

Die Bergungsarbeiten wurden ununterbrochen bis zum Eintreffen der Arbeitsmannschaft, mit unermüdlichem Eifer durchgeführt und e ist dem guten Geist von Unteroffizier und Mann zu danken, dass die Anfangs anscheinend doppelte Verlustziffer, heute soweit gesunken ist, das die Kompagnie 27 Verletzte und 29 Tote zu beklagen hat, von welch letzteren auch heute noch 6 nicht geborgen sind und wohl auch trotz aller Mühe und Arbeit, bis zur warmen Jahreszeit nicht werden geborgen werden können.

Am 26. Dezember 1915

Feldpost 53, am 27.Dezember 1915
Hainschwang, Hauptmann

Gesehen I/Lr2
Krauß, Major

Nach Abschluss der Bergungsmaßnahmen wurden die 38 aufgefundenen Lawinenopfer ins Tal getragen und am 28. Dezember 1915 im Beisein des Divisions-, Brigade- und Regimentskommandanten nach der feierlichen Einsegnung von Feldkurat Wester in Blac beigesetzt.

Stellvertretend für die 38 Toten Regimentsangehörigen einige Auszüge aus Diversen damaligen Tageszeitungen.

 

Der Regimentskommandant Oberst Unger ließ einen Nachtrag zum Regiments Kommando Befehl vom 27.12.1915 verlautbaren.

NACHTRAG zum Rgts. Kmdo Befehl vom 27. Dezember 1915

Kameraden!

Das Regiment ist von einem schweren Unglück heimgesucht worden. Der Tod hat Kameraden aus unseren Reihen gerissen.

Die Weihnachtsfreude klang noch in ihren Herzen, in Sehnsucht gedachten sie wohl der Lieben daheim als das Unheil daherbrauste und sie unter einer Lawine verschüttete.

Treu bis in den Tod trotzend dem Feinde, mussten sie als Opfer der Naturgewalten ihr Leben lassen.

Wir stehen tief erschüttert an ihrem Grabe.

Ihr Andenken wollen wir hoch in Ehren halten und wenn einst die Friedensglocken läuten und Freudenjubel erschallt, dann gilt der Dank auch ihnen.
Jetzt aber den Blick hoch es ist noch viel und schwere Arbeit zu bewältigen.
Schaft mutvoll unverzagt weiter für die schöne große Zukunft des Reiches.

  1. Abfertigung beendet um 9 Uhr nachm.

Für die Richtigkeit:

Dr. Langoth Ltn.

von UNGER m.p. Oberst

Mit diesem traurigen Ereignis ging für das LIR.2 das 2. Kriegsjahr zu Ende. Keiner wusste damals das noch 2 weiter vielleicht sogar noch schrecklichere Jahre folgen würden.

Hannes Heubel